Auch die Gründe sind bekannt

Bundesweit fällt an Gymnasien 36% des Musikunterrichts aus, an den Haupt- und Realschulen sogar 60%. Weniger als 20% der Lehrerinnen und Lehrer in den Grundschulen haben eine musikalische Ausbildung. Auch in Kindergärten und Familien wird dem Singen zu wenig Beachtung geschenkt. Auf der anderen Seite gibt es wie noch nie zuvor eine technische Allgegenwart von Musik, sie ist zeit- und ortsunabhängig immer vorhanden. Diese Omnipräsenz der Musik zieht allerdings eine nachhaltige Entmündigung nach sich: man singt nicht selbst, man lässt singen. Das heißt, das Singen und die aktive Begegnung mit Musik finden bei uns in den frühen Lebensjahren, in denen die Kinder die Sprache der Musik am leichtesten lernen, unzureichend oder überhaupt nicht statt. Zoltán Kodály forderte bereits1951 in einer Rede bei der UNESCO: "Die musikalische Erziehung eines Kindes sollte schon neun Monate vor der Geburt der Mutter beginnen."

Nach dem Pisa-Schock muss man zuspitzen: Deutschland scheint nicht nur zu verdummen, sondern auch zu verstummen, zumindest was das Singen betrifft. (Stephan Klöckner)

Diese Entwicklung trifft die evangelische Kirche im Kern: Singen in Familie, Schule und  Kirche ist eine elementare Äußerung des individuellen und des gemeinsamen Glaubens. Beim Singen zeigen sich im Lauf einer langen Entwicklung viele verschiedene Formen und Funktionen von der gemeinschaftlichen Verkündigung des Wortes Gottes im reformatorischen Lied bis zum individuellen Ausdruck des Glaubens im zeitgenössischen Anbetungslied. Die Jugendkulturen haben dazu beigetragen, dass Musik zu einer Art Identitätsausweis wurden, zu einem Medium der Selbstdarstellung und damit auch der Abgrenzung gegenüber anderen. Singen vornehmlich als Ausdruck des Glaubens, als Ausdruck einer Befindlichkeit zu verstehen und zu praktizieren, kann direkt an diese Entwicklung anschließen. Demgegenüber ist in den Hintergrund getreten, dass Singen nicht nur Ausdruck des Glaubens, sondern auch ein Weg dort hin ist. Im Singen wird der Glaube eben auch gelernt und geübt. Zum Singen kommen heißt auch, zum Glauben kommen.

Unter dem Stichwort „Zum Glauben kommen“ firmiert in der kirchlichen Arbeit eine Fülle von pädagogischen und missionarischen Aktivitäten. Singen als Weg zum Glauben gehört hier notwendig dazu. Die Sprache des Glaubens hat sich immer aus den Psalmen und aus Gesangbuchliedern gespeist. Aktuelle und individuelle Erfahrung reichen nicht hin als Sprachreservoir des Glaubens. Deshalb ergibt sich für die Kirchen aus der nachlassenden Singfähigkeit der Menschen eine fundamentale Aufgabe.

 

Aufgaben