Hobby, soziales Netzwerk, Freundeskreis und ein Stück Heimat

Tausende Menschen singen in Württemberg regelmäßig in einem evangelischen Chor

Fürs Singen im Chor gibt es viele Gründe. Etwa 44.500 Menschen treffen sich dazu regelmäßig in einem der rund 1.700 Chöre der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

 

Die jüngsten Teilnehmer sind im Kindergartenalter und machen in einem der 383 Kinderchöre mit. Aber auch in allen anderen Altersstufen wird gesungen, oft bis ins hohe Alter. Begleitet, geschult und trainiert werden die Sänger von den über 2.000 Chorleiterinnen und Chorleitern – viele von ihnen machen dies nebenberuflich und ehrenamtlich.

Singen macht glücklich: etwa 1.700 Chöre gibt es in der Landeskirche.

Einer davon ist Thomas Dillenhöfer. Der 40-jährige Architekt ist Dirigent des Gospelchors „Gospel im Osten“ (GiO) in der Stuttgarter Heilandskirche. Vor knapp zweieinhalb Jahren fing er mit etwa 30 Sängern an – inzwischen kommen regelmäßig um die 70. Ganz unterschiedliche Menschen sind das, erzählt er, etwa 20 bis 60 Jahre sind sie alt. Einige haben mehr mit Kirche am Hut, einige aber auch weniger oder gar nichts. „Das ist eine ganz heterogene Gruppe – und das macht auch ihren Reiz aus“, findet der Chorleiter. Alle hätten Spaß am Singen und an der Musik. Und sie merkten, dass das Singen verbindet, dass man sich kennen lernt, vor und nach den Proben gerne Zeit miteinander verbringt.

 

Viele der Chormitglieder wüssten vorher gar nicht, dass sie überhaupt singen könnten, „haben sich das Singen gar nicht zugetraut, entdecken dann aber, es geht doch“, berichtet Dillenhöfer. Dass jeder zu „Gospel im Osten“ kommen kann, es keine „Aufnahmeprüfung“ gibt, und man sich einfach ausprobieren darf, das spricht sich rum. Und deshalb kommen auch so viele so gerne zum gemeinsamen Singen.


In den 14-tägigen Proben arbeitet der Chor dann intensiv am aktuellen Programm - alle drei Monate gestaltet er den Gospelgottesdienst „Abendgospel“. Dann ist die Heilandskirche voll. Das freut den Architekten. Denn die in den 60er Jahren neu erbaute Kirche ist für ihn auch als Bauwerk beeindruckend: „Ich wollte diese schöne Kirche wieder mit Leben füllen“.

Neben Gospelchören gibt es natürlich auch die „klassischen“ Kirchenchöre, die die sonntäglichen Gottesdienste begleiten. Der Chorleiter David Dehn beschreibt diesen Einsatz so: „Hier im Gottesdienst ist das Zentrum unseres gemeinsamen Singens. Hier wollen wir andere zum Singen ermuntern, der Freude Ausdruck verleihen, Traurige trösten und uns im Singen zu Gott wenden.“ Er erlebt, dass das Singen auch immer wieder verbindet, Gemeinschaft stiftet und dass Menschen, die vorher eher distanziert waren, oft über die Chorarbeit einen Platz im Gemeindeleben finden.

Der Chor ist meist die größte Gemeindegruppe, die sich regelmäßig trifft. Für viele Chormitglieder ist der Chor nicht nur Hobby, sondern auch soziales Netzwerk, Freundeskreis und auch ein Stück Heimat.

 

„Singen macht glücklich“, sagt man ja so landläufig. Tatsächlich belegen Studien immer wieder, dass Gesang helfen kann, Körper, Geist und Seele ins Gleichgewicht zu bringen. Ebenso dass beim Singen Glückshormone ausgeschüttet werden und das Immunsystem gestärkt wird. „Singen in der Gruppe fördert die emotionale Intelligenz und schult das Aufeinander-Hören“, bemerkt die Kantorin Stefanie Breidenbach. Sie beobachtet außerdem, dass das Singen im Chor für viele Jugendliche zu einem sicheren und selbstbewussten Auftreten beitragen kann.

 

Damit dies so bleibt, engagiert sich die Evangelische Landeskirche in Württemberg für die frühe Förderung potenzieller Sänger. Insbesondere der Verein „Evangelische Kirchenmusik in Württemberg“ setzt sich seit vielen Jahren für das Singen mit Kindern ein. Dabei geht es nicht nur um den Nachwuchs in der eigenen Kirche, sondern auch um das Wiederbeleben des Singens überhaupt in der Gesellschaft.

 

Denn neben der Schaffung von Glücksgefühlen, sozialen Kontakten und der Schulung von Gehör und Stimme hat das gemeinsame Singen der Lieder auch noch eine andere Funktion: es kann helfen, das kulturelle Gedächtnis sowohl der Gesellschaft als auch der Kirche zu bewahren. Der Theologe Fulbert Steffensky schreibt dazu: „Die Kirche hat Traditionen und heilige Texte, die die Menschen davor bewahren, in der puren Gegenwart zu ertrinken.“ Diese Texte, beispielsweise des beliebten Dichters aus dem 17. Jahrhundert, Paul Gerhardt, werden jeden Sonntag von gut 100.000 regelmäßigen Gottesdienstbesuchern in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg gesungen.

 

 

Dorothee Adrian